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Das blasse Mädchen

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Mein Großvater erzählte die Geschichte immer wieder, an Weihnachten, an Ostern, an seinem Geburtstag. Wir waren es alle schon fast leid, obwohl die Geschichte interessant war. Alle Enkelkinder fragten nach anderen Geschichten, trotzdem kam Opa immer darauf zurück. Es war im Winter 1936/37 geschehen, da kämpfte Opa im spanischen Bürgerkrieg in einem saarländischen Zug der Durruti Milizen, irgendwo in Katalonien. Wir wussten den Anfang der Geschichte inzwischen fast auswendig. Der Grossvater bekam unweit der Front am Ebro den Befehl, einen Toten auf der Pritsche seines Lastwagens in sein Heimatdorf zu fahren. In der Winterkälte waren die Kämpfe gegen die Franco-Faschisten fast zum Erliegen gekommen. Nur von Zeit zu Zeit erwischte ein Scharfschütze einen unvorsichtigen Soldaten, der den Kopf zu weit aus dem Graben gestreckt hatte oder mitten in der Nacht rauchte. Die Milizionäre warfen den Toten in eine graue Zeltbahn gewicktelt auf die Ladefläche und gaben Opa eine Landkarte, auf der das Heimatdorf eingetragen war. Ein gottverlassenes Kaff irgendwo in Katalonien, an der Straße von Huesca Richtung Mittelmeer. Opa und sein spanischer Beifahrer Beppo fürchteten sich vor der Nachtfahrt. Es war bitterkalt und der Schnee auf den Passstrassen war gefroren. Neben den Kriegsgefahren drohten auch die Gefahren des Winters im Hochgebirge, Lawinen, eisglatte abschüssige Straßen, Haarnadelkurven über tiefen Abgründen. Der Opa und sein Beifahrer beschlossen, sich vor der Fahrt noch zu stärken und besuchten eine kleine Cantina in dem spanischen Dorf. Nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatten kehrten, sie zu ihrem Lastwagen zurück, um sich zu der Nachtfahrt aufzumachen. Wie waren sie überrascht, als sie ihren Laster komplett beladen vorfanden. Die Ladefläche war voll mit leeren Spritkanistern. Der Commandante der Milizionäre gab Opa einen neuen Fahrbefehl. Die Kanister mussten zum Nachschubstützpunkt gebracht werden. Auf dem Weg dorthin konnten Sie den Toten ja abliefern. Opa beschrieb immer sehr gut den Schreck und das Entsetzen des spanischen Beifahrers, als die beiden bemerkten, wohin die Milizionäre den Gefallenen gepackt hatten. Fast wäre er aus dem Führerhaus gefallen, als der Beifahrer seine Tür öffnete. So fuhren die beiden los in die düstere Nacht, zwischen sich auf dem Bock einen in eine Zeltbahn gewicktelten Toten. Opa war sicher nicht abergläubisch, aber wohl war ihm nicht. Der Spanier betete, ehe er sich neben den Toten setzte und versuchte, ihn nicht anzusehen. Der LKW rumelte los ins Gebirge, nahm gottverlassene, enge Straßen Richtung Küste. Eine Fahrt durch die Nacht konnte bei diesem schlechten Wetter und den damals üblichen miserabel schlechten Straßen in Spanien viele Stunden dauern. Weder Opa noch der Beifahrer rechneten damit, vor Sonnenaufgang in dem Dorf anzukommen, wo sie den Toten abliefern sollten. 
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Sie waren schon einige Stunden unterwegs, da bemerkte mein Großvater überrascht, dass sein Beifahrer eingeschlafen war und den Kopf an die Schulter des eingewicktelten Gefallen lehnte, der zwischen ihnen auf dem Bock saß. Auf der Passhöhe hielt Opa an und drehte sich im Schneetreiben eine Zigarette. Die Fahrt hinab ins Tal brauchte jetzt seine ganze Konzentration. Er dachte sich, dass er seinen Beppo schlafen lassen sollte. Es war gnädig, die große Gefahr, die ihm drohte, nicht sehen zu müssen. Er blickte in das Schneetreiben hinaus. Der Mond erhellte die verschneite Landschaft schwach. Er warf die Zigarette aus dem Fenster und fuhr los. Vorsichtig tastete er sich durch die Dunkelheit. Plötzlich, vollkommen unerwartet, tauchte in den Lichtkegeln seiner Scheinwerfer eine Gestalt auf. Mit hoch erhobenen Händen stand auf der Strasse ein blasses Mädchen in der Milizuniform der FAI/CNT, der Anarchistischen Gewerkschaften Kataloniens. Opa bremste gewaltig und versuchte dann den LKW in der Spur zu halten, indem er zurückschaltete und Vollgas gab. Opa gewann die Kontrolle über den LKW wieder. Sein Beifahrer, erwacht von dem Geschüttel, schrie vor Angst auf, als er den Laster auf seiner Seite am Abgrund vorbeirutschen sah. Der Wagen kam zum Stehen. Opa sprang aus dem Führerhaus und suchte auf der Straße nach dem Mädchen. Es war niemand da. Opa wollte gerade wieder einsteigen, als er ein Grollen vom Berg hörte. Es wurde immer lauter. Der Beifahrer sprang aus dem Führerhaus und beide drückten sich an der Bergseite der Straße gegen die Felsen. Etwa 60-70 Meter voraus wischte eine Lawine über die Passstrasse in die Tiefe. Genau dort, wo sie jetzt wahrscheinlich gewesen wären, wenn Opa nicht die Talfahrt des Lasters abrupt unterbrochen hätte. Trotz der Kälte war es den beiden Soldaten ganz heiß.   

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Opa erzählte seinem Beifahrer nichts von dem Mädchen. Er glaubte, er habe geträumt oder die Müdigkeit hätte ihm einen Streich gespielt. Sie drehten mit grossen Problemen den LKW um und fuhren wieder bergauf, um einen anderen Weg ins Tal zu nehmen. Irgendwann bogen sie links ab und waren nun wieder auf dem Weg in ein anderes Seitental. Die Straße würde unten im Tal auf die Hauptstraße treffen, wie die andere Straße auch. Es war lange nach Mitternacht, da erreichten sie eine Verzweigung der Straße. Opa und der Beifahrer sahen sich den Weg auf der Karte an. Nach links ging es zu dem Dorf, in das sie den Toten bringen sollten, nach rechts ging es in Richtung des Versorgungsstützpunkts, wo sie die Kanister abliefern sollten. Beppo bestand darauf, die Leiche loszuwerden. Er wollte nicht mehr länger neben ihr sitzen. Also beschlossen sie, zuerst in das Dorf zu fahren und dann die Kanister abzuliefern. Opa erzählte das, was jetzt kam, immer sehr theatralisch. Aber es war wirklich irgendwie beängstigend. Opa ließ also den LKW an und fuhr auf die Weggabelung zu. Er behauptete, die Gestalt sei aus einer Schneewehe erschienen. Sie sah aus wie ein junges bleiches Mädchen, das den Verkehr regelte. sie wies meinen Großvater nach rechts in Richtung des Depots. Opa meinte, er habe ihren Gesichtsausdruck deutlich sehen können. Es war der Gesichtsausdruck einer Soldatin, die es gewohnt war, zu befehlen. Opa lenkte nach rechts auf den Weg zum Depot. Beppo fluchte und wollte es nicht fassen. Opa sagte nichts. Opa hatte bemerkt, dass Beppo die Frau unmittelbar vor dem LKW nicht gesehen hatte. Also war sie wahrscheinlich tatsächlich nicht da. Sie fuhren also hinab ins Tal. Am frühen Morgen erreichten Sie das Depot und luden die Kanister ab. Der Feldwebel schittelte mit dem Kopf, als er den Toten im Führerhaus sah. "Wo soll denn der hin?" fragte der Feldwebel meinen Opa. Der zeigte im den Ort auf seiner Karte. "Dann seid ihr heute Nacht an der Abzweigung nach rechts gefahren? Gut daß wir Anarchisten nicht abergläubig sind. Jeder andere katholische Spanier hätte den Weg nach links genommen und erst den Toten abgeliefert......, und dabei drauf gegangen." Beppo und der Opa wurden hellhörig, draufgegangen?" "Ja, draufgegangen. Hättet ihr die Abzweigung nach links genommen, wärt ihr direkt auf eine mit einer Sprengfalle verminte Brücke gestoßen. Ihr wärt beide hin!" An der Stelle war die Geschichte normalerweise zu Ende. Ich aber fragte Opa einmal, wie sie den Toten in sein Dorf gebracht hätten. Der Opa erzählte mir, dass die Brücke am Morgen wieder frei war. Tatsächlich war der erste LKW, der in der Frühe über diese Brücke gefahren war, in die Luft gesprengt worden, und das hätten sie sein können. Aber dann war da nichts mehr und er konnte den Toten in das Dorf bringen. Ich erinnere mich gut, Opa lächelte und zog an seiner Pfeife, ehe er mir schnell den Rest erzählte, mir allein, sonst keinem Enkel. Großvater erzählte, dass man sie in dem Dorf schon erwartete. Alles war für die Beerdigung vorbereitet und man nötigte beide Fahrer, noch etwas essen zu gehen. Als sie mit dem Essen fertig waren, hatten die Dorffrauen den Toten ausgewickelt und aufgebahrt. "Mein lieber Junge, der Tote war kein gefallener Soldat...., es war eine gefallene Milizionärin. Sie war sehr blass." 

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